Test Memoiren 1

Memoiren von Jost J. Marchesi
Test Teil 1

«Ihr ursprünglicher Charakter ist der einer Prahlerei.»
Elias Canetti 1905 – 1994 zu Autobiografien.

 Vorwort

Seit meiner frühen Jugend bereits im Kindergartenalter, das heisst, seit mehr als 75 Jahren, befasse ich mich in irgendeiner Art und Weise mit dem Medium Fotografie. Dabei erinnere ich mich an Vieles, nicht nur Fotografisches, sondern auch Kulturgeschichtliches und Alltägliches. Während diesen Jahren habe ich die wichtigste Änderung innerhalb der Fotografie, nämlich von der analogen zur digitalen mitgemacht und teilweise an vorderster Front mitgestaltet. Mein lieber Kollege Urs Tillmanns hat mich animiert, diese Erinnerungen aufzuschreiben.

Wenn ich dabei mit einigen Zeitgenossen und Begegnungen hart ins Gericht gehe (bzw. gehen muss), bereue ich das zwar, muss diese jedoch trotzdem erwähnen, um den Zeitgeist (zum Beispiel in der Pädagogik) zu erläutern. Es handelt sich dabei lediglich aus meiner Sicht um sehr verwerfliche Personen, die vermutlich heute noch wegen ihrer Vergehen in der Hölle schwefeln. Wenn ich dagegen einige Institutionen, mit denen ich direkt oder indirekt in Kontakt geraten bin, beim Namen nenne, ist das meine persönliche Meinung. Da wird es viele Zeitgenossen geben, welche eine teilweise oder sogar gänzlich andere Erinnerung daran haben. Es ist immer eine Frage der Perspektive.

Verfasst rund um meinem 82. Geburtstag 1. Dezember 2025 herum.

Jost Josef Marchesi. Geb. 1.12.1943

Geboren wurde ich im vorletzten Kriegsjahr des 2. Weltkrieges als jüngeres Kind meiner Eltern Lilly und Josef. Meine ältere Schwester Sonja ist 10 Jahre älter als ich. Weil ich so lange auf mich warten liess, legte meine Schwester jeden Abend ein Stück Zucker auf das Fensterbrett, um den Storch (der seinerzeit noch die kleinen Kinder brachte) zu animieren. Am Morgen war der Zucker jeweils weg. Ganz klar, der Storch hat ihn geholt. Und tatsächlich, rund ein Jahr danach kam ich als zuckersüsse Hausgeburt zur Welt.

Da wir im Aargau in der Nähe zur Grenze zu Deutschland wohnten, gab es in vielen Nächten Fliegeralarm und die Familie musste sich in den Luftschutzraum begeben, während der Vater sich jeweils aufs Velo schwang, um sich an seinem Arbeitsort um den Luftschutz zu kümmern. Unbewusst und zusammen mit den späteren Erzählungen der Erwachsenen nahm ich als Säugling die jeweiligen Ängstlichkeiten auf und träumte danach noch viele Jahre von Sirenengeheul und den Wirrnissen des Krieges.

Meine Grosseltern väterlicherseits waren bereits am Ende des 19. Jahrhunderts aus Oberitalien kommend in der Schweiz eingewandert. Der Grossvater war in derselben chemischen Fabrik in Turgi beschäftigt, wie später mein Vater. Mein Vater kam 1912 als jüngstes überlebendes Kind der Familie bereits in der Schweiz zur Welt. Als er 6 Jahre alt war, wütete die Spanische Grippe 1918/19 und der Grossvater erkrankte. Die beleidenswerten Grippekranken wurden damals aufgrund ihrer grossen Anzahl und der extrem starken Ansteckungsgefahr in separaten Notunterkünften zusammen evaquiert. Für meinen Grossvater gab es einen Platz in einer Turnhalle, wo er nach kurzer Zeit der durch die Grippe ausgelösten Lungenentzündung erlag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Der erste Geburtstag, 1. Dezember 1944, fotografiert auf dem Balkon von Vetter Ernst mit seiner Leica

Mein Vater heiratete in jungen Jahren eine Schweizerin. Allerdings war er als Italiener bis dahin natürlich katholisch. Das war der einzige Tolggen in seinem Reinheft. Er musste deshalb 1932, als er eine reformierte Frau heiraten wollte, vorher noch konvertieren. Das heisst, er ging eine Zeit lang wöchentlich in den Einzelunterricht beim reformierten Pfarrer, um danach reformiert zu werden. Gemischt religiöse Ehen waren damals eher unüblich, vor allem wenn der Wunsch bestand, bald Schweizer zu werden. Und dies, obwohl mein Vater keinerlei konfessionelle Ambitionen hatte.

Jostli im Sportwagen auf dem Sportplatz. Mein Vater war ein gesuchter Torwart für Feldhandball und später Fussball. Daher war ich an Sonntagen oft mit auf dem Sportplatz und galt als kommender Fussballstar galt.

Da er jedoch nach der religiösen Konvertierung immer noch Italiener war, bestand die Gefahr, vom italienischen Staat früher oder später für den Militärdienst eingezogen zu werden. Um dieser Gefahr zu entgehen und das gleiche Schicksal für seinen eventuell noch auf die Welt kommenden Sohn zu vermeiden, versuchte sich der Vater einzubürgern – einzukaufen, wie man damals sagte. Die Chancen dazu standen gut, denn er war in der Schweiz geboren, hatte Familie und eine Berufsausbildung sowie eine gute Arbeitsstelle. Er hatte alle Schulen in der Schweiz besucht und seit seiner Zeit als kommender Fussballer einflussreiche Referenzen. Er konnte zwar etwas italienisch, jedoch nur einen oberitalienischen Dialekt von seiner Mutter (für die Zeitangabe 5 nach 5 Uhr verwendete er die Floskel, welchen auch das Romanische in gewissen Gegenden kennt: «higg è higg».

Im Juni 1942 wurde mein Vater durch Beschluss des Aargauer Regierungsrates als Kantonsbürger und als Gemeindebürger von Gebenstorf AG (und somit auch als Schweizer Bürger) aufgenommen, wobei er die italienische Staatszugehörigkeit verlor (die Schweiz erlaubte damals keine Doppelbürgschaften). Die Gefahr eines militärischen Einzugs durch die Italiener war dadurch gebannt, und ich kam als Schweizer mit allen Ehren und Rechten zur Welt. Zum Leidwesen meines Vaters bestand er zwar die sanitarische Rekrutenprüfung, wurde jedoch nicht in die Schweizer Armee aufgenommen. Dies war damals aus Sicherheitsgründen nicht üblich. Immerhin wurde er in den zivilen Luftschutz eingeteilt und erhielt in dieser Funktion – vermutlich als Späher – bis zum Ende des Weltkrieges eine vaterländische Aufgabe.

Seine italienischen Sprachkenntnisse konnte er dann später doch noch beruflich einsetzen. Als die Schweizer Industrie vermehrt italienische Arbeitnehmer suchte, betreute er für die Elektrochemie Turgi vorwiegend die süditalienischen Arbeitnehmer aus Sizilien und setzte sich für deren Wohlergehen im Arbeits- und Wohnbereich ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted in BLOG, Memoiren Jost J. Marchesi